Der Burullus-See (auch Borollos-See, arabisch: ‏بحيرة البرلس, Buḥairat el-Burullus) ist ein 54 km langer, flacher Brackwassersee im nördlichen Nildelta östlich von 1 Raschīd (Rosette) und westlich von 2 Balṭīm und 3 Dumyāṭ (Damietta) im ägyptischen Gouvernement Kafr esch-Scheich. Er gehört zu den recht wenig gestörten Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung gemäß der Ramsar-Konvention[1] und gehört zum gleichnamigen Natur- und Vogelschutzgebiet.

Insel im Burullus-See
Burullus-See · بحيرة البرلس
GouvernementKafr esch-Scheich
Einwohnerzahl
Höhe
Lagekarte des Nildeltas in Ägypten
Lagekarte des Nildeltas in Ägypten
Burullus-See

Ähnlich wie der im Nordsinai gelegene Bardawīl-See ist der Burullus-See im Herbst und im zeitigen Frühjahr Durchzugsgebiet zahlreicher fremder Vogelarten und bietet sich für Vogelbeobachtungen an.

Hintergrund

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Geografie und Name

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Burullus-See im Norden des Nildeltas

Der Burullus-See ist einer von fünf Salzseen im Bereich der Mittelmeerküste. Der See/die Lagune ist von Westen nach Osten bis zu 54 km lang und zwischen 6 bis 21 km breit. Die mittlere Tiefe beträgt nur 75 bis 100 cm, d. h., der See ist nicht schiffbar. Der See ist durch einen im Norden gelegenen sandigen Landstreifen vom Mittelmeer getrennt, der am Westende etwa 5,5 km breit ist und der sich bis auf 800 m nach Osten hin verschmälert. Die einzige Verbindung zum Mittelmeer ist der 1 Burg-Burullus-Abfluss (‏بوغاز برج البرلس, ​Būghāz Burg al-Burullus) , ein etwa 250 m breiter und 5 m tiefer Kanal. Der Salzgehalt nimmt von diesem Kanal nach Süden und Westen ab.

Im See gibt es ungefähr 50 Inseln mit einer Gesamtfläche von 0,7 km². Das Nordufer des Sees besteht hauptsächlich aus Salzwiesen und Schlammwatt, während das Südufer von einem Sumpf aus Röhricht eingenommen wird, der etwa ein Viertel der Seefläche einnimmt. Die vorherrschende Seevegetation sind Laichkräuter.[2] Im Süden des Sees befinden sich ausgedehnte landwirtschaftliche Flächen.

Der jetzige Name des Sees leitet sich von der einstigen Stadt Burullus (griechisch: παράλιος, Paralios, „das maritime Küstengebiet“, koptisch: Ϯⲡⲁⲣⲁⲗⲓⲁ, Tparalia) ab, die sich wohl östlich des heutigen Dorfs 4 el-Burg bei Tell/Kōm el-Ḥaddādīn (‏تل الحدادين‎) befunden haben könnte.[3] Im Mittelalter wurde der See von mehreren Historikern Nastarāwa-See (‏بحيرة نستراوة, Buḥairat Nastarāwa) nach einer heute nicht mehr existenten Insel benannt, während vom arabischen Geografen Ibn Hauqal im 10. Jahrhundert die Bezeichnung el-Baschmūr-See (‏بحيرة البشمور‎) überliefert wurde.[4]

Geschichte

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Funde eines Tordurchgangs und zweier beschrifteter Steinblöcke in Tell el-Aschʿār nordöstlich von Balṭīm belegen, dass das Gebiet im Nordosten des Sees mindestens seit ptolemäischer (griechischer) Zeit besiedelt war.[3] Die Siedlung Paralios (el-Burullus) im Osten ist seit dem Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. belegt. Aus dieser Zeit stammen erste Papyri, die diese Siedlung benennen. Bereits im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts war el-Burullus ein Bistum.[5] Die Homilie des Zacharias, Bischof von Sacha (7./8. Jahrhundert), benennt el-Burullus als eine Zwischenstation auf der Fluchtroute der heiligen Familie zwischen Samannūd und Sachā.[6][7]

In frühislamischen Zeit nahm die Größe des Sees zu. Der Hafen von el-Burullus befand sich in der Nähe der Mündung des Sees – die Stelle, an der er durch einen kleinen Kanal mit dem Meer verbunden war. Der Hafen von el-Burullus fungierte als eine der defensiven Grenzsiedlungen an der Küste des Nildeltas. Dass der Rosette-Nilarm über die Seemündung, den See selbst und die sich anschließenden Kanäle erreichbar war, war nicht nur arabischen Autoren, sondern auch italienischen Reisenden wie Marino Sanudo d. Ä. (1260–1338) bekannt.[8]

1998 wurde das Schutzgebiet al-Burullus-See (‏محمية بحيرة البرلس‎) eingerichtet, zu dem der Burullus-See vollständig gehört. Es erstreckt sich über eine Gesamtfläche von 462 Quadratkilometern.

Hydrologie

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Der See erhält Entwässerungswasser aus den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen und Süßwasser aus dem Brembal-Kanal.[2] Landwirtschaftliches Abwasser macht 97 % des gesamten Zuflusses in den See aus (3,9 Milliarden m³ pro Jahr), gefolgt von Regenwasser (2 %) und Grundwasser (1 %). 16 % des Wassers des Sees verdunstet und 84 % fließen ins Meer.[9]

Im Norden des Sees verläuft die Küstenfernverkehrsstraße 40, die u. a. Alexandria mit Raschīd und Dumyāṭ verbindet.

Es gibt offensichtlich keine Reiseveranstalter im In- und Ausland, die Touren zur Vogelbeobachtung anbieten. Eine Sondergenehmigung der Egyptian Environmental Affairs Agency ist notwendig.

Mobilität

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Das teilweise schlammige Ufer kann nur zu Fuß ergründet werden. Für die Besichtigungen von der Seeseite benötigt man ein Boot.

Sehenswürdigkeiten

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Fischer auf dem Burullus-See

Laut einem Biodiversitätsbericht der ägyptischen Umweltbehörde Egyptian Environmental Affairs Agency leben 33 Fischarten, Spinnen, 23 Amphibien- und Reptilienarten, 112 heimische und Zugvogelarten und 18 Säugetierarten im und um den See. Die Zahl der Fischarten ging von 52 zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück, was vor allem auf den geringeren Salzgehalt durch den Zufluss landwirtschaftlicher Abflüsse in den See zurückzuführen ist.[9]

Die Landschaften sind vielgestaltig: hierzu gehören Sandformationen im Norden des Sees, Salzmarschen, ausgetrocknete Landschaften, Mündungen der Entwässerungskanäle und zahlreiche Inseln.

Aktivitäten

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Einheimische Fischer führen auch Bootstouren und Überfahrten zu den Inseln durch.

Der Burullus-See gehört zu bedeutendsten Gebieten Ägyptens, in dem Zugvögel überwintern. Hierzu zählen das Blässhuhn (Fulica atra), die Löffelente (Anas clypeata), die Moorente (Aythya nyroca), die Pfeifente (Anas penelope), der Rotschenkel (Tringa totanus) und die Tafelente (Aythya ferina).[10]

Der Burullus-See ist zudem das Brutgebiet von 35 Vogelarten. Zu ihnen zählen der Graufischer (Ceryle rudis), die Pharaonennachtschwalbe (Caprimulgus aegyptius), das Purpurhuhn (Porphyrio porphyrio), die Rotflügel-Brachschwalbe (Glareola pratincola), der Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus), der Spornkiebitz (Vanellus spinosus), der Spornkuckuck (Centropus senegalensis), der Stentorrohrsänger (Acrocephalus stentoreus), die Stummellerche (Calandrella rufescens), die Zwergdommel (Ixobrychus minutus), die Zwergseeschwalbe (Sterna/Sternula albifrons) und der Zwergtaucher (Tachybaptus ruficollis).[10]

Des Weiteren kann man am Burullus-See die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) und die Rohrkatze (Felis chaus) antreffen.[10]

Restaurants findet man in Alexandria und Raschīd.

Unterkunft

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Unterkünfte findet man in Alexandria und Raschīd.

Ausflüge

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  • Raschīd – Hafenstadt östlich von Alexandria mit reizvollen Bürgerhäusern aus dem 16. bis 19. Jahrhundert.

Literatur

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  • Hoath, Richard: The birds of Egypt and the Middle East. Cairo: The American University in Cairo Press, 2021, ISBN 978-1-64903-124-2.

Einzelnachweise

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  1. Lake Burullus, Ramsar.org
  2. 2,0 2,1 El-Gamal, Ayman A.: Egyptian Nile Delta coastal lagoons : alteration and subsequent restoration. In: Finkl, Charles W. ; Makowski, Christopher (Hrsg.): Coastal wetlands : alteration and remediation. Cham: Springer International Publishing, 2017, ISBN 978-3-319-56178-3 (gebunden), ISBN 978-3-319-56179-0 (E-Buch), S. 411–434, insbesondere S. 418; doi:10.1007/978-3-319-56179-0.
  3. 3,0 3,1 Kamal, Ahmed Bey: Borollos. In: Annales du Service des Antiquités de l’Egypte (ASAE), ISSN 1687-1510, Bd. 9 (1908), S. 141–147, insbesondere S. 142, 145–147. In Tell/Kōm el-Ḥaddādīn, dem möglichen Stadtort des antiken Burullus, wurden Ziegel und Keramikfragmente aus griechisch-römischer Zeit gefunden.
  4. Wiet, G[aston]: Burullus (Borollos). In: Gibb, Hamilton Alexander Rosskeen (Hrsg.): The Encyclopaedia of Islam : Second Edition ; Bd. 1: A - B. Leiden: Brill, 1960, ISBN 978-90-04-08114-7 
  5. Timm, Stefan: al-Burullus. In: Das christlich-koptische Ägypten in arabischer Zeit ; Bd. 1: A - C. Wiesbaden: Reichert, 1984, Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients : Reihe B, Geisteswissenschaften ; 41,1, ISBN 978-3-88226-208-7, S. 450–455.
  6. Graf, Georg: Geschichte der christlichen arabischen Literatur; Bd. 1: Die Übersetzungen. Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana, 1944, Studi e testi ; 118, S. 227–234. Der Abschnitt 55, „Die Flucht nach Aegypten“, enthält die Kurzbeschreibung der Predigt von Zacharias, die nur in Arabisch vorliegt.
  7. Sulaimān, ʿAbd-al-Masīḥ (Hrsg.): Kitāb Mayāmir wa-ʿaǧāʾib as-saiyida al-Aḏrāʾ Maryam : ʿalā ḥasab mā waḍaʿahū ābāʾ al-kanīsa al-urṯūḏuksīya. Miṣr (Kairo): Maṭbaʿat ʿAin Šams, 1927 (2. Auflage), S. 56–81 (3. Abschnitt, Homilie des Zacharias, auf S. 71 oben werden die Orte Samannud und el–Burullus genannt). Übersetzung des Titels: Buch der Homilien und Wunder der Herrin, der Jungfrau Maria.
  8. Cooper, John P.: The medieval Nile : route, navigation, and landscape in Islamic Egypt. Cairo: The American University in Cairo Press, 2014, ISBN 978-977-416-614-3, S. 72–73.
  9. 9,0 9,1 Biodiversity. In: Egypt State of the Environment Report 2007. Egyptian Environmental Affairs Agency, 2008, S. 147–148, 152; PDF.
  10. 10,0 10,1 10,2 Important Bird Areas factsheet: Lake Burullus. In: BirdLife International, abgerufen am 17. Dezember 2023.
 
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